Evangelische Johannes-Kirchengemeinde Lüdenscheid
Andachten und Gottesdienste
In der Zeit, in der unsere Kirche geschlossen bleibt und keine Veranstaltungen stattfinden können, bieten wir Ihnen hier tägliche kleine Andachten und auch Gottesdienste, teils als Video, teils als Text, an. Wählen sie den Beitrag zum Tag auf der linken Seite aus, der dann rechts angezeigt wird.
Bleiben Sie behütet und gesund!
Thomas Müntzer

Für jeden Tag im Jahr führt der Evangelische Namenkalender den Todestag (mindestens) einer Person auf, die für das Werden der Evangelischen Kirche von Bedeutung war. Für den heutigen 27. Mai sind dies gleich drei Personen: der Genfer Reformator Johannes Calvin (1564), der Liederdichter Paul Gerhardt (1676) und der Reformator und Revolutionär Thomas Müntzer (1525). Wer meine Andachten häufiger liest, weiß, dass ich ein Freund von Gedenktagen bin. Denn der Blick in die Vergangenheit ist eine große Chance manchen Fehler in der Zukunft zu vermeiden - gerade in unübersichtlichen Zeiten. Während die ersten beiden Personen, die der Evangelische Namenkalender für den 27. Mai zum Gedenken vorschlägt, recht bekannt sein dürften, handelt es sich bei Thomas Müntzer um einen – jedenfalls in Westdeutschland – eher unbekannten Theologen. In der DDR wurde Müntzer als Vertreter des sogenannten „linken Flügels“ der Reformation gefeiert, während der „Fürstenknecht Luther“ im kommunistischen Osten eher kritisch gesehen wurde. Thomas Müntzer war ursprünglich ein Mitstreiter Martin Luthers gewesen. Es kam allerdings zum Bruch zwischen den beiden, da Müntzers Vorstellungen weit über die innerkirchlichen Reformpläne Luthers hinausgingen. Überzeugt davon, dass mit der Reformation die biblisch verheißene apokalyptische Endzeit gekommen sei, führte Müntzer 1525 im Bauernkrieg ein Heer im Kampf gegen die Fürsten. Seine Überzeugung: Ein Gott, der in einem Viehstall geboren wird, muss auf der Seite der Bauern, Armen und Unterdrückten stehen. Den bewaffneten Kampf legitimierte er mit dem Jesuswort aus Mt 10,34 „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Luther, der sich im Bauernkrieg auf Seiten der Fürsten hielt, soll über Müntzer gesagt haben: „Wer den Müntzer gesehen hat, der kann sagen, er habe den Teufel leibhaftig gesehen in seinem höchsten Grimm.“ Der Bauernkrieg endete in einer totalen Niederlage der Aufständischen und für Müntzer mit seiner Hinrichtung am 27. Mai 1525. Der Müntzerbiograf Klaus Ebert fasst zusammen: „Thomas Müntzer gehört zu denen, die sich in die Geschichte der Deutschen nicht so recht einordnen lassen. Er zählt zu den Widerständigen und Widerborstigen. Dabei war sein Leben getragen von der Idee einer anderen, einer gerechteren Welt, die es hier auf Erden zu erreichen gilt.“ 495 Jahre nach seinem Tod, lehrt uns die Erinnerung an Thomas Müntzer, dass Reformation mehr ist als Luther, dass es zu jeder Geschichte immer auch eine Gegengeschichte gibt, dass Übereifer nicht zum Ziel und Spaltung zur Radikalisierung führt, dass die geballte Faust oft besser in der Tasche bleibt und man niemals zu sicher sein sollte, selbst recht zu haben: Hilfreiche Lehren für eine unübersichtliche Zeit.

Liebe Grüße Ihr Michael Siol