Evangelische Johannes-Kirchengemeinde Lüdenscheid
Andachten und Gottesdienste
In der Zeit, in der unsere Kirche geschlossen bleibt und keine Veranstaltungen stattfinden können, bieten wir Ihnen hier tägliche kleine Andachten und auch Gottesdienste, teils als Video, teils als Text, an. Wählen sie den Beitrag zum Tag auf der linken Seite aus, der dann rechts angezeigt wird.
Bleiben Sie behütet und gesund!
Die Sturmstillung II – Das verschwundene Kopfkissen

In der vorgestrigen Andacht vom 30.3. ging es um die Sturmstillung. Die drei Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas berichten von ihr auf etwas unterschiedliche Weise.

Legt man die Texte nebeneinander und betrachtet sie zusammen (zusammen Sehen ≙ Synopse (griech.)), fällt ein weiterer kleiner – aber im wahren Wortsinn unbequemer – Unterschied auf: Nur in der Markusversion (Mk 4,35-41) schläft Jesus auf einem Kissen. Vor der Sturmstillung erzählt Markus das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (Mk 4,26-29). Auch in diesem Gleichnis schläft Jesus [= der Sämann], während seine Gemeinde [= die Erde] von selbst Frucht bringt. Doch kann man sich vorstellen, dass der Sohn Gottes gemütlich - gar auf einem Kissen - schläft, während seine Leute schuften und in Gefahr sind!?

Der Evangelist Matthäus sortiert seine Erzählung anders und leitet die Sturmstillung mit einem Gespräch ein, in dem Jesus sagt: „Der Menschensohn [= Jesus] hat nichts, wo er sein Haupt niederlegen kann.“ (Mt 8,18-22). So ist es konsequent, dass er anschließend auf dem Boot ohne Kissen schläft.

Während Jesus schläft, mutet er seinen Leuten zu Angst und Unsicherheit auszuhalten. Er traut ihnen aber auch zu, dass sie es ohne sein Eingreifen schaffen. Markus „unterfüttert“ diese Überzeugung mit einem Kissen. Matthäus – ohne Kissen – sagt: Ohne Gottes Eingreifen kann man es nicht schaffen.

Diese unterschiedlichen Meinungen gibt es bis heute – gerade auch in der Krisenzeit: Manche sagen: „Da hilft nur beten und Jesus-um-Hilfe-bitten.“ Andere sagen: „Da hilft nur selbst anpacken; Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“

Für beide Meinungen gibt es guten (biblischen) Grund. Sie schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich – bis heute. Und zum Glück können wir auch das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Liebe Grüße
Ihr Michael Siol

p.s. Die mehrheitliche Forschungsmeinung geht übrigens davon aus, dass der Autor des Matthäusevangeliums den Text des Markusevangeliums kannte. Dann hätte Matthäus das Kissen in seinem Text absichtlich gestrichen – sozusagen Jesus beim Schlafen das Kissen unter dem Kopf weggezogen. Ein kleines Stück hintergründiger Humor in der Bibel – wie passend zum ersten April.