Evangelische Johannes-Kirchengemeinde Lüdenscheid
Andachten und Gottesdienste
In der Zeit, in der unsere Kirche geschlossen bleibt und keine Veranstaltungen stattfinden können, bieten wir Ihnen hier tägliche kleine Andachten und auch Gottesdienste, teils als Video, teils als Text, an. Wählen sie den Beitrag zum Tag auf der linken Seite aus, der dann rechts angezeigt wird.
Bleiben Sie behütet und gesund!
Alle gute Gabe… und die schlechte?

„Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts.“ (Jak 1,17) – Lehrtext für Montag, den 22. Juni 2020

Die Worte aus dem heutigen Lehrtext erinnern an den Erntedankklassiker „Wir pflügen und wir streuen“ von Matthias Claudius: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!“ Voll Dankbarkeit singen Lied und Lehrtext von Gott und dem, was er uns reichlich schenkt. So weit, so gut und richtig. Gerne nehme ich das Gute aus Gottes Hand – das tägliche Brot, Frieden in der Familie, gelungene Abschiede, eine Gemeinschaft im Glauben. Gerne sage ich dafür „Danke“. Aber was ist eigentlich mit den schlechten Gaben!? Aus wessen Hand muss ich die nehmen? Mein „Lehrtext zum Lehrtext“ findet sich bei Hiob:

„Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht annehmen?“ (Hiob 2,10)

Wer kann schon beurteilen, was wirklich „gut“ oder „böse“, „nützlich“ oder „schlecht“ ist? Wenn ich zum Beispiel einen Blick auf die Kabelreste, Eisenteile und alten Eimer in meiner überfüllten Garage werfe: Da halte ich vieles noch für „gut“, wo meine Frau sagt, dass man es getrost „an die Straße stellen“ könnte. Manches steht tatsächlich jahrelang im Weg herum, anderes findet noch mal eine Verwendung. Erst im Nachhinein erkenne ich, ob es sich gelohnt hat, etwas zu verwahren. Manchmal ist so aus vermeintlich Unnützem doch noch Gutes geworden - bei vielem anderen dagegen hatte meine Frau wahrscheinlich recht...
Hiob spricht davon, das Böse anzunehmen und meint damit wohl nicht, dass ich noch mehr alte Eimer sammeln soll. Um seinem Spruch auf die Spur zu kommen, hilft es vielmehr genauer nach dem Verb „annehmen“ zu fragen: „das Böse zu sich nehmen“; „sich das Böse zu Herzen nehmen“; „sich des Bösen annehmen“. Das Böse wird von Hiob nicht schöngeredet. Er macht keine Hoffnung darauf, dass aus dem Unnützen im Leben noch einmal Nützliches werden könnte. Das ist sehr ehrlich, denn es gibt wirklich viel im Leben, was unnütz ist. Doch weil Hiob die guten Gaben bewusst und dankbar empfangen hat, kann er auch das Böse in der Welt annehmen – als „Teil vom Ganzen“. „Danke“ und „Bitte“ gehören für ihn zusammen, genau wie „Freude und Leid“. Wer dankbar lebt, weiß, dass das Gute allein nicht alles ist – und erinnert sich dann auch im Bösen daran. „Drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn!“
Möge die Sommerzeit Ihnen Augenblicke zum dankbar-Sein schenken.

Ihr Michael Siol