Evangelische Johannes-Kirchengemeinde Lüdenscheid
Andachten und Gottesdienste
In der Zeit, in der unsere Kirche geschlossen bleibt und keine Veranstaltungen stattfinden können, bieten wir Ihnen hier tägliche kleine Andachten und auch Gottesdienste, teils als Video, teils als Text, an. Wählen sie den Beitrag zum Tag auf der linken Seite aus, der dann rechts angezeigt wird.
Bleiben Sie behütet und gesund!
Losung und Lehrtext für Montag, den 8. Juni 2020:

„Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.“
- Jes 40,2

„Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“
- Röm 8,21

Freiheit ist das große Thema dieser Zeilen. Freiheit war auch das große Thema der Reformation und ist immer noch das bedeutendste Aushängeschild der evangelischen Kirche. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan.“, heißt es in Luthers programmatischem Sendbrief „von der Freiheit eines Christenmenschen“.
Wir haben unseren eigenen Verstand und dürfen selbst entscheiden. Und wie auch immer wir uns entscheiden: Wir bleiben geliebte Kinder Gottes. Das macht uns frei in unserem Tun und Denken. Großartig! Doch Luther tritt schon sofort im nächsten Satz seines Briefes auf die Euphoriebremse:
„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und jedermann untertan.“
Klar, es gibt Regeln und Gesetze, an die man sich zu halten hat - Masketragen beim Einkaufen zum Beispiel. Als das verpflichtende Masketragen ab Montag, den 27. April, galt, wussten wir das schon ein paar Tage vorher und konnten uns darauf einstellen. Ich weiß noch, dass ich am Samstag zuvor unterwegs war und kaum jemand ein Maske trug. Als es ab Montag Pflicht war, trug sie nahezu jedermann ganz selbstverständlich. Ich dachte bei mir: Wie kann das sein!? Entweder ich finde das Masketragen sinnvoll, dann kann ich es doch auch freiwillig schon Samstag tun – die Empfehlung gab es ja schließlich schon länger. Oder ich finde es nicht sinnvoll, dann dürften sich doch Montag nicht alle so widerspruchslos in ihr fremdbestimmtes Schicksal fügen.
Oder brauchen wir - ach, so freien! - Menschen doch erst die Vorschrift, um das zu tun, was wir sowieso sinnvoll finden, aber ohne Regeln zu bequem sind, es in die Tat umzusetzen? Muss das Masketragen erst Gesetz sein, damit man es tut!? Muss die Plastiktüte erst etwas kosten, bevor wir verstehen, dass es besser ist, den Stoffbeutel zu nehmen!? Brauchen wir also doch den Veggietag, um weniger Fleisch zu essen, was wir doch eigentlich auch ohne Verpflichtung tun könnten!? Müssen wir zu unserem Glück gezwungen werden!? Das kann‘s doch eigentlich nicht sein. Wo bleibt denn da der aufgeklärte, freie Mensch, der das Gute aus freien Stücken tut und unmoralischen Pflichten entschieden widerspricht!?
Losung und Lehrtext erinnern daran, dass wir deshalb in unserem Tun und Denken frei sind, weil wir aus „der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ heraus leben.
Kinder haben - weiß Gott - keine uneingeschränkte Freiheit. Doch die Freiheit, die sie haben, probieren sie gerne aus. Mit dem eigenen Kopf erkunden sie neugierig, fragend und forschend ihre Welt - doch vom Klettergerüst springen sie nur, wenn unten auch jemand steht, der sie auffängt. Diese Freiheit wünsche ich uns im Umgang mit den Alltagsfragen: Mit dem eigenen Kopf neugierig fragen und forschen; wissen, dass auch ein Vater, der seine Kinder liebt, nicht mit allem einverstanden ist und manchmal auch ösig werden kann; und wissen, dass er mich trotzdem auffängt.

Einen guten Start in die Woche wünscht Ihnen
Ihr Michael Siol