Evangelische Johannes-Kirchengemeinde Lüdenscheid
Andachten und Gottesdienste
In der Zeit, in der unsere Kirche geschlossen bleibt und keine Veranstaltungen stattfinden können, bieten wir Ihnen hier tägliche kleine Andachten und auch Gottesdienste, teils als Video, teils als Text, an. Wählen sie den Beitrag zum Tag auf der linken Seite aus, der dann rechts angezeigt wird.
Bleiben Sie behütet und gesund!
mbba: Ich möchte noch beim Thema der letzten beiden Wochen (15. + 22. Mai) bleiben. In der Kursbeschreibung zu »Wir Kinder der Kriegskinder« heißt es weiter: „Man weiß inzwischen, dass belastende Erfahrungen / Traumata an die nächste Generation weitergegeben werden, wenn sie unverarbeitet geblieben sind. Von daher ist zu vermuten, dass viele Menschen in der Generation der „Kriegsenkel“ heute mit den Folgen dieser Verdrängungen zu kämpfen haben.“ Frage an Dich: Bist Du in Deiner Ausbildung jemals auf diesen Bereich der notwendigen Seelsorge aufmerksam gemacht worden?

mi: Ja, die Seelsorge ist der umfangreichste Teil der praktischen pastoralen Ausbildung. Auch das Leben mit Traumata spielt dabei eine Rolle. Interessant ist im Blick auf die seelsorgliche Fachliteratur, wie sich mit den verändernden Anforderungen der Generationen auch die Forschung weiterentwickelt. Lese ich ein seelsorgliches Buch aus den 80er Jahren, geht es primär um das Verarbeiten eigener Kriegserfahrungen und eigener Schuld. In jüngeren Büchern rückt immer mehr die Erfahrung der Hilflosigkeit in den Mittelpunkt, die Menschen als Kinder auf der Flucht gemacht haben, der Umgang mit der Sprachlosigkeit und der Schuld der Eltern, oder das Aufwachsen ohne (leiblichen) Vater. In Zukunft wird sich das weiter verschieben, hin zu einem „Erinnern ohne eigene Erinnerung“.

mbba: Ich habe die Vermutung, dass diese Erfahrung bereits in 2. Mose 34, 6+7 angesprochen ist. Wobei die Wortwahl zwar alttestamentarisch aber unmissverständlich ist. Wenn die „Missetat der Väter“ bis ins 4. Glied geht, bedeutet dies ja auch, dass das 2., 3. und 4. Glied die Verantwortung hat, die alten Sachen aufzuarbeiten. Meine zweite Frage an Dich: Reicht das, was wir an Erinnerungskultur an 2 Weltkriege in unserem Lande pflegen oder seitens der Kirchen anbieten?

mi: Das eine ist, was der Bibeltext wohl ursprünglich meinte; das andere ist, wie er uns in der heutigen Zeit göttliche Wegweisung sein kann. In letzterer Hinsicht ist diese Bibelstelle sicher auf die Situation der „Kriegsenkel“ anzuwenden: Wir stehen in einer Verantwortung, ohne selbst schuldig geworden zu sein. Unsere Verantwortung bedeutet: Mahnen ohne zu nerven! Weitergehen ohne zu vergessen! Sich einzusetzen für Frieden und Völkerverständigung! Ich meine, unsere Kirche ist dabei auf einem sehr guten Weg - fröhlich und zugleich demütig. Und jedem Menschen - egal ob alt, ob jung - wünsche ich, dass sie solch einen Weg auch für sich finden.